Inhaltliche Informationen für Eltern, Lehrer, Erzieher und andere Kinderbegleiter

Von Saskia Thomas (März 06)

So lautet die fette Headline der Rückseite des „Berliner Kuriers“ vom 03. März 2006. Zwischen „BH nur ausgestopft?“ und der nackten „Ina aus Iserlohn“, die heiße Öfen mag, steckt der kurvenreiche Artikel (kurvenreich, weil er an Ina vorbei muss) und plaudert über die Warnungen des Vatikans vor dem Satanismus.

Pater Gabriele Amorth, 80 Jahre jung, oberster Exorzist der katholischen Kirche und offizieller Vertreter des Vatikans, meint, dass das Lesen der Potter-Geschichten auf direktem Wege zum Satanismus führe.

„Man fängt mit Harry Potter an, der als netter Zauberer daherkommt, aber am Ende landet man bei Satan. (…) Wenn ein junges Kind Harry Potter liest, dann wird es von Magie angezogen – und von da ist es nur ein kleiner Schritt zum Teufel.“

(Das sagt jemand, dessen Leben dem Glauben an Jesus gewidmet ist, der ja immerhin das Mirakel vollbracht hat, Wasser in Wein zu verwandeln.)

Papst Benedikt XVI (ehemals Joseph Kardinal Ratzinger) meint: Die Geschichten seien voll von „Verführungen, die den christlichen Glauben in der Seele verzerren.“

Aha.

Dieses Zitat hab ich schon einmal anders gelesen. Nämlich im Focus (Nov. 2003/48). Dort schrieb man, der Herr Ratzinger verdamme die Potter-Geschichten als „subtile Verführungen, die unmerklich das Christentum in der Seele zersetzen, ehe es überhaupt recht wachsen“ könne.

Aha.

(Eigentlich egal, wie getreu die Presse Zitate formuliert, die Botschaft ist klar: Ich fahre also demnächst zur Hölle.

Denn das in meiner Seele nicht recht gewachsene Christentum ist, seit ich die Bücher gelesen habe, nun endgültig zersetzt. Das erschreckt mich nicht weiter, denn die Hölle ist, wenn es sie gibt, ein warmer Ort und ich friere oft sehr. Was aber wäre, wenn das Christentum in mir recht gewachsen wäre? Hätte ich dann Angst vor der Hölle?

Hat eigentlich Jesus jemals etwas über die Schrecknisse der Hölle gesagt?)

Als geradezu zutiefst christlich wertet der Herr Lamprecht von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens die Grundmotive der Potter-Bücher. Wie Harrys Mutter sich dem Bösen in den Weg stellt und ihr Leben für ihr Kind opfert, sei eine „mitreißende Umschreibung der christlichen Heilslehre“.

Gegen eine solche Liebe sei auch der Inbegriff des Bösen (Voldemort) machtlos. Die Parallelität zu Jesus, der „aus Liebe zu den Menschen sich selbst in den Tod gegeben hat“, sei „frappierend“.

Außerdem vermittle Rowling, dass Freundschaft wichtiger sei, als schulische Leistung und dass die Ordungsregeln jeder Institution nur die niederrangigen Regeln sind, gegenüber den Prinzipien der Menschlichkeit. Und dass sie relativiert werden müssen, um einer persönlichen Verantwortung Raum zu geben.

(Oh, Ha! Das ist selbstverständlich zu viel für die Hierarchie der katholischen Kirche… wahrscheinlich für die Liebhaber von Hierarchien überhaupt.

Vielleicht liegt aber auch gerade hierin einer der Gründe für den Erfolg des Buches?)

Soweit also die Kirchenmänner.

Nun die Pädagogen:

Reinhard Franzke aus Hannover: Er meint, die Horrorszenen in den Büchern vergewaltigen die jungen Seelen. Die Bücher erzeugen Depressionen und verminderten die Lern- und Leistungsfähigkeit in der Schule.

Der Münchner Uni-Theologe und Dozent Mark Achilles meint, dass die bei Potter entfachte Magie nichts mit dämonischen Kräften zu tun habe. Zauberei sei hier nur eine Technik, eine erlernbare Sache… ein letztes Mittel, um sich gegen bösartige Attacken zu wehren. Auch von verherrlichter Gewalt könne keine Rede sein.

Und was sagen die Märchenerzähler und –forscher und die Kinderbuchautoren?

Siegrid Früh (eine Märchenerzählerin aus Baden Württemberg) meint, dass es wichtig sei, dass Geschichten für Kinder zeigen, dass es „irgendwo immer eine Lösung gibt“. Außerdem durchlebten Kinder zwischen 10 und 12 Jahren häufig eine mythologische Phase, während dieser Zeit suchten sie „Übersinnliches“. Lassen Eltern das nicht zu, kann es passieren, dass die Kinder später okkulten Sekten verfallen.

Ein Frederik Hetmann, der im Focus-Artikel als Märchenexperte bezeichnet wird, meint: Die Eltern sollten die Kinder mit den Gefühlen, die diese Geschichten auslösen, nicht alleine lassen und dem Kind auch zeigen, dass Magie keine Alltagsprobleme löst.

Die meisten Kinderbuchexperten gehen davon aus, dass Kinder das Böse hören und lesen wollen. Negative Erlebnisse sind Bestandteile ihres Alltags, mit denen sich Kinder auseinandersetzen müssen. Literatur habe daher den Auftrag zu zeigen, wie der Mensch seinen Weg zwischen Gut und Böse findet.

Hetmann meint denn auch: Die Bücher zeigen, dass das Leben voller Hindernisse ist, die man mit Mut packen muss.

(Das ist traditionell auch in vielen Märchen so: die Heldin / der Held wird am Beginn der Geschichte aus allen Wolken gerissen durch eine kleine oder große Katastrophe. Sie / er muss durch viel Unwegsames, Schlimmes, Unbekanntes und Gefahrvolles gehen, um dann den Lohn für all diese Mühen davon tragen zu können.)

Und noch einmal Lamprecht, weil er es ganz einfach auf den Punkt bringt:

Übertriebene Furcht vor Potter sei „fehl am Platz. Man erwartet ja auch nicht, dass das Kind, dass sich zum Fasching als Indianer verkleidet, fortan sein Leben dem Großen Manitu widmet.“

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So kontrovers geht es zu.

Das ist der Kontext, in dem sich unser Event befindet.

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