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Noch mal Saskia Thomas (vom Januar 2006)

Mittlerweile als Phänomen bezeichnet, glauben viele Leute nicht mehr daran, dass Band 7 wirklich der Letzte sein soll…

Andere spekulieren darüber, wer wohl der Frau Rowling seit Band 2 all die Texte schreibt, oder woher sie ihre Anregungen / Anleihen genommen hat und ob ihr das Buch / die komplexer gewordene Geschichte nicht aus der Hand geraten sei.

Oder, ob es denn wirklich wahr sei, dass sie viele Millionen Pfund für wohltätige Zwecke spendet. Wieder andere wühlen mit Akribie in ihrer Lebensgeschichte herum und mutmaßen über ihre rach- und geldsüchtige Psyche. Sie bemerken entrüstet, dass Frau Rowling über alle Rechte und Verfügungen an ihrem Werk selbst verfügt und ausschließlich nur mit ihrer Genehmigung davon etwas be-/genutzt werden darf (Was in der Branche unüblich ist.).

Die Filmdarstellerin der Hermine bekommt von christlichen Priestern aus aller Welt zur Bekehrung ihrer Seele Bibeln geschickt, andere predigen öffentlich für oder wider Potter. Heerscharen von Journalisten machen sich deutend und rezensierend über das Thema her und nicht zu vergessen: die Pseudo- und Wissenschaftler in wissenschaftlichen Untersuchungen und Verlautbarungen. Und hopp: gleich wird man öffentlich bekannt und von vielen gehört oder gelesen.

Am 17.01.2006 hielt Prof. Dr. h. c. mult. Klaus Gerhard Saur aus München in der Stadtbibliothek zu Berlin einen Vortrag zum Thema. Das Ergebnis:

Potter ist schon eine Marke.

Diese Marke ist unbezahlbar geworden – man schätzt ihren Wert auf 3,5 Mrd. Dollar. Damit ist sie im Bereich von Nivea, Duden, Brockhaus und Persil. Doch im Unterschied zu denen, hat sie in nur 9 Jahren 300 Millionen Umsatz im Jahr erreicht.

(Der amerikanische Scholastic-Verlag druckte für seine Erstauflage von Band 6 10,8 Millionen Exemplare, von denen innerhalb der ersten 24 Stunden rund 6,9 Millionen Exemplare verkauft worden sind.

In Großbritannien sollen dreizehn Exemplare pro Sekunde über den Ladentisch gegangen sein.)

Weltweit wurden bisher 270 Millionen Exemplare in 62 Sprachen verkauft. Und es gibt nur ein Buch (auch eine Marke übrigens), dass diese Marke übertrifft: die Bibel.

Viele, viele Wirtschaftszweige leben mit Potter besser, als ohne. Druckereien, der Buchhandel, Juristen, Bibliotheken, die Medien, Hörbuchverlage … manche Branchen verzeichnen mit der Erscheinung von Potter bis zu 10 % Wirtschaftszuwachs.

Es ist so, dass der Carlsen-Verlag keine Kosten für Werbung ausgeben muss. Alles machen die Nutznießer gerne selber.

Aber warum wollen so viele Leute den Potter lesen?

Saur konstatiert einen Trend, der seit ca. 20 Jahren zu beobachten sei. Ein Trend zum Träumen, zum Unrealen, zum Unwirklichen – eine Art Flucht aus der, als unwirtlich, nicht schön und bedrohlich empfundenen, Realität.

(Aha. Nun ja, so neu ist das ja nicht. Diese Erklärung gibt es schon lange für das den Erklärern Unverständliche.)

Es gehört zu dem Phänomen Potter, dass der Erfolg des Buches am Markt in allen Ländern, in denen es verlegt wird, in etwa gleich hoch ist – ca. 10 – 12 %. Das ist ungewöhnlich, da sonst in aller Regel aus mentalitäts-, glaubens- und ethischen Gründen bestimmte Themen in einem Land Furore auslösen und in einem anderen nicht.

Auch sei wohl zu verzeichnen, dass die Menge der Verkäufe sich nicht wesentlich steigert. Die Gruppe der „Potterianer“ bleibt in etwa gleich groß, wenn auch nicht dieselbe.

Man muss Potter als einen Riesenbeitrag zur Leseförderung bezeichnen (das ging ihm nicht so leicht über die Lippen), weil man davon ausgeht, dass ca. 50% der Leser, die Potter lesen, vorher noch nie ein Buch gelesen haben. Man geht weiterhin davon aus, dass diese jungen Leser danach auch in die Welt von Tolkin oder in die von Sophie einsteigen werden…

(Wieso er den Herrn der Ringe und Sophies Welt in einem Atemzug nannte, erschließt sich mir nun wieder nicht.)

Der Run auf die englische Ausgabe in Deutschland war so enorm hoch (Bestsellerliste Platz 1), dass man auch auf sprachlich gebildete Leserschaft in Mengen schließen muss (sicherlich in unterschiedlichen Graduierungen), die mit Wörterbuch und außer Atem die ersten sein wollten, die um den weiteren Verlauf der Geschichte wissen.

(Ganz zu schweigen von den liebevollen Ausflügen ins Latein, ohne die man nicht auf den Grund der Namen und Zaubersprüche gelangt.)

Sein Fazit:

Man kann nur staunen. Erklären kann man es nicht.

Doch dann gab er selbst noch einen entscheidenden Hinweis. Potter ist ein Identifikationsthema – ähnlich dem Fußball.

Und das heißt ganz einfach:

Millionen Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können, und die man nicht einfach so in die Ecke der Wahnsinnigen, Satanisten, Schwachen und Hilfebedürftigen stecken kann, erfreuen sich an etwas, dass ihnen Thrill, Spannung, Freude und Energie verleiht.

Sie kennen und haben EINE gemeinsame Geschichte! Bei weitem sehen nicht alle in Potter einen neuen Messias, dafür kapiert der zu langsam.

Viele andere Figuren, die nach und nach eine Geschichte/Biografie bekamen, sind Idole und ja, auch Identifikationsfiguren, oder Figuren der Sehnsucht (Vater, Geliebte/ Geliebter, Freundin - Ich meine, wer kennt das nicht aus seinem eigenen Leben als Leser?).

Die Pottergemeinde versteht sich. Sie teilen Vorlieben und Abneigungen, haben ihre Stars und Skandale, denken über Gut und Böse nach, erfahren Wandlungen in den Charakteren, erleben Siege und Niederlagen… usw.

Bei Fußballern – ja, na gut…

Aber bei Magiern, Feen, Trollen, Elfen… ?

In unserem Land sind ja nur Hexen und Zauberer und ein paar Riesen in den Märchen als böse und hässliche Wesen von der magischen Welt der alten Völker übrig geblieben. Und jeder von ihnen ausgeübte Zauber ist dem zur folge ein Schadzauber. Gut und böse sind in den Geschichten (zumindest in denen, die die Grimms aufgeschrieben haben) klar mit eindeutigen Attributen belegt.

Nur mal als Anregung zum Nachdenken:

Wer fand die Hexe in Hänsel und Gretel cool? Wie begeistert war man doch dagegen von der bösen Schneekönigin!

Warum?

Und überhaupt: im echten Leben gibt es keine Zauberei. Und nur Spinner, wie New-Age-Leute, die ganze Eso-Szene oder die neuen Hexen glauben an Magie.

Man sagt dazu in der Moderne gering schätzend „Eskapismus“ und meint damit Flucht vor der Realität und sieht darin Gefahren.

Außerdem gibt es für alles eine vernünftige Erklärung. Und basta. Alles andere ist Aberglaube…

Nur mal als Anregung zum Nachdenken:

Kann es nicht sein, dass mit der „Entzauberung“ der Welt einherging, dass den Menschen auch die für das Leben und Überleben sehr wichtige Phantasiewelt arg beschädigt wurde? Und die Leute sich nun der neuen Phantasiegeschichten bedienen?

Und also nur das tun, was die Menschen schon immer getan haben?

Mal ganz abgesehen davon, dass Frau Rowling in ihren Büchern ziemlich exakt gesellschaftliche Zustände der so genannten zivilisierten Welt abbildet: Ungerechtigkeiten, globale Gefahren, begründete und unbegründete Hoffnungen, Chancen, Machtspiele und -kämpfe etc.

Ich bin gespannt, was ihr wohl zur Lösung der Konflikte einfällt. Ihr Stoff ist ja so immens angewachsen, dass es mir fast unmöglich scheint, ihn zu „beenden“.

Eigentlich muss sie ja was aufschreiben und damit vollbringen, was noch niemand geschafft hat, nämlich: eine Lösung zu finden für den Frieden in der Zaubererwelt und darüber hinaus für den friedlichen Kontakt mit der realen Welt der Menschen.

 

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