Inhaltliche Informationen für Eltern, Lehrer, Erzieher und andere Kinderbegleiter

Ein Beitrag für eine Diskussion von Saskia Thomas. (November 2005)

Das gibt es in meinem Leben nicht mehr oft, dass ich mich mit einem Massenphänomen auseinandersetze. Oft sag ich, wie wohl die meisten, nur leidenschaftslos >versteh ich nicht< oder >die spinnen ja, die… < usw.… Doch nun: Harry Potter. Und er scheidet die Geister. Und das ist gut so. Das ist Stoff, sozusagen.

Ich habe bisher 3 der 6 Bücher gelesen und die Filme gesehen (vor allem weil ich die Ausstattung mag). Bin also kein ausgemachter Fan. Was mich aber an Potter interessiert, und warum ich mit diesem Stoff arbeite, kommt jetzt:

Harry Potters Geschichte ist die Geschichte von Gut und Böse, von Macht und Ohnmacht, von Zuversicht und Vertrauen versus Misstrauen. Damit steht Frau Rowling ganz brav in der Tradition großer Mythen - von den Griechen und ihren Heldengeschichten bis zu den Christen und der Bibel. (Selbst was die „Monster“ angeht.)

Dass sich in letzter Zeit die Institution katholische Kirche gegen die Bücher positioniert, kommt m. E. nicht von ungefähr: bringt Frau Rowling doch im Band 5 die Inquisition ins Spiel, in Form einer äußerst unangenehmen Person, die mit unangemessener Machtfülle ausgestattet schaltet und waltet – und eine große Nähe hat, zu den verabscheuungswürdigen brutalen Inquisitoren in der Kirchengeschichte, aber auch zu bornierten Funktionären.

Die großen Themen der Potter-Bücher laufen natürlich in Konflikten ab. Auch das ist in der Kunst - zumindest in der Literatur bzw. im Theater – eine unumgängliche Methode, um die Antipoden für die dramatische Handlung zu erschaffen. Das Theater kommt nicht ohne diese Konflikte aus - von Aischylos bis Brecht („Lernen kann man nicht nur an Gutem“). Und sogar Punch & Judy, Hanswurst und Kasper sowie die Produktionen der heutigen Theaterpädagogen brauchen den Konflikt.

Das Rollenspiel ist wahrscheinlich eine der ältesten Spielformen, die es gibt. Das Spiel ist dem Menschen immanent und so kam es ganz natürlich im Erlernen des Lebens der vorangehenden Generationen dazu, die Personen bzw. Handlungen (wie Jagd, Streit, Versöhnung, Liebe, Kampf etc.) nachzuspielen. Das Rollenspiel ist die „Probe“ von tatsächlichen Verhältnissen bzw. von verschiedensten Aspekten des Seins.

Natürlich ist es einfacher, die Konflikte einfach auszublenden.

Zum Beispiel kann man kann sagen, nein, ein Spiel mit Ländern will ich nicht, weil Länder Grenzen haben und Grenzen sind so etwas Unangenehmes… (die Meinung eines Pädagogen zu SpieloFEZien) – aber sie sind die Realitäten! Kreativität für den Alltag – lebendiges Lernen – muss m. E. mit dem umgehen, was da ist und dazu Alternativen entwickeln.

Der Potter-Stoff besteht aus Verhältnissen, die real existieren. Ungerechte Lehrer, desinteressierte Eltern, Arm & Reich, Neid & Häme, Träume von Überkräften, Sehnsucht nach Anerkennung, Konkurrenz, Rassismus, Spießertum, Tapferkeit, echte Freundschaft, Erwachsene, die wirklich an einem interessiert sind, Bedrohung einer heilen Welt, Liebe, großer und kleiner Mut, sich positionieren müssen, Wettkämpfe, Irrtümer… etc.

Die Vorbereitungen zum Potter-Rollenspiel-Event befassen sich mit dem Stoff aus den Büchern insofern, dass sie die Personen und Teile aus der Gesamthandlung, die in einem Event spielbar sind, übernehmen – sie sind bekannt und eingeführt, wie die eines alten Märchens.

Dabei achten wir darauf, dass die Verhältnisse zwischen positiven und negativen Kräften ausgewogen sind und der Konflikt – so spannend er auch auf allen Ebenen dargestellt sein mag – einen Sieg für die positive Seite bringt. Aber eben keinen EINFACHEN.

Denn so ist das Leben nicht.

Immer wird den Kindern Gelegenheit gegeben, zu diesem Sieg beitragen zu können. Keineswegs leichtfertig stricken wir ein Szenario, das möglichst beeindruckend ist (im Sinne von mittendrin sein) und auch die positiven Kräfte der Kinder erfordert – ihnen somit zeigt, wie sinnvoll es ist, sie einzusetzen.

(Ich möchte hier nicht weiter auf zwei Tatsachen eingehen, die eigentlich jeder weiß, sie nur kurz erwähnen:

1. die meisten Kinder lieben es mit der „Unterwelt – der „dunklen“ Seite“ in Berührung zu kommen bzw. spielerisch umzugehen und 2. sie lieben es, wenn das Gute siegt und sie dazu beitragen konnten.)

An dem Potter-Projekt im FEZ arbeiten mittlerweile über 40 Leute unterschiedlichster Herkunft und Ausbildung, unterschiedlichsten Charakters und Alters, die alle freiwillig zum Gelingen des Events beitragen.

Wir erarbeiten gemeinsam die Dramaturgie für die Hauptszenen der Tage, wir erarbeiten über ein halbes Jahr hinweg gemeinsam Haltungen und Szenarien. Die Protagonisten erhalten Theater-Trainings. Kein Honorar. (Auch nicht für die Trainer.) Die meisten Requisiten und fast alle Kostüme werden von den Beteiligten selbst hergestellt bzw. bezahlt. Auch das, so deucht mich, ist eine nicht ganz alltägliche Kraft, die der Stoff anscheinend in sich birgt.

In diesem Jahr wird es auch um Geheimbünde gehen (ebenfalls paritätisch aufgeteilt) – orientiert an der Handlung im 5. Buch. Diese Geheimbünde werden Pläne schmieden, was sonst. Die Darstellung wird so öffentlich sein, dass die Kinder wie in der Rolle eines Lesers sind, also mehr wissen, als die Darsteller (wie auch im ungefährlichen Kaspertheater).

Meines Erachtens kann auch das kein Stein des Anstoßes sein, da Bünde und Banden eigentlich zum Kinderleben gehören. Man tut sich zusammen, um etwas zu erreichen oder auch nur zu besprechen, dass innerhalb der ANGESAGTEN ORDNUNG (scheinbar) nicht möglich ist.

Ich schreibe das, da ich hörte, dass der Sinn dieses Events und damit seine Durchführbarkeit angezweifelt werden und das mit nichts weiter als mit einem ungewissen Unbehagen begründet wird, das in dem Satz mündet, man habe genug von den schwarzen Gestalten…

Solch eine „Kritik“, die wie Zensur daher kommt und sich keine Mühe gibt, habe ich wahrlich schon oft genug in meinem Leben gehört (von Kulturfunktionären der DDR).

Und so stelle ich diese Gedanken zur Diskussion, denn das ist das einzige, was ich von meiner Position aus machen kann, um eine Diskussion heraus zu fordern, die es m.E. geben sollte. Also: Vivat die Diskussion! Vivat die Fragen! Die sachliche Auseinandersetzung! Lasst uns reden.

Saskia Thomas (alias Prof. MCGonagall)
u. a. Kulturwissenschaftlerin

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